Einwurf 223: John Galt

25.02.2020

Kennen Sie das Buch «Atlas wirft die Welt ab»? Nein. Oder vielleicht «Wer ist John Galt?» Das ist nämlich das gleiche Buch. Auch nicht. «Streik»? Diesen Titel haben wohl viele Bücher, aber hier geht es nochmals um dasselbe. Keine Ahnung. Von Goethe ist es zwar nicht, von Thomas Mann auch nicht. Aber es war und ist ein Millionen-Bestseller. Halt einfach nicht in Europa.

 

Dank einer Adaptation des Zürcher Schauspielhauses in der Form eines Musicals wissen wir jetzt auch Bescheid. Kurz und schlecht: Es handelt sich um eine typisch amerikanische, ebenso kitschige wie niederträchtige Herrenrassenscheisse. Dass solcher Schund in Europa nicht (mehr) gehandelt wird, spricht für die Standhaftigkeit unserer Zivilisation (siehe Einwürfe 209 und 222). Denn der Kern der Botschaft ist klar: Es geht um die Vernichtung von minderwertigen Mitgliedern der Gesellschaft. Als hätte die Autorin (sie hiess Ayn Rand) nie etwas von der Hitlerei gehört oder – noch blöder - diese sogar toll gefunden. Zu ihrem menschlichen Abfall gehören in erster Linie die «faulen Armen», darüber hinaus aber auch die «per se schmarotzenden» Künstler, Intellektuellen und Staatsbeamten, einfach alle, die sich auf die eine oder andere Art, theoretisch oder praktisch, bewusst oder unbewusst, systematisch oder zufällig dem grenzen- und rücksichtslosen Kasinokapitalismus der blonden Herrenrasse entgegenstellen. Natürlich tönt das nicht so; die Strategie ihrer «Elite» wird naiv-beschönigend als fantastischer Freiheitstraum verpackt, dem sich jeder anschliessen kann, wenn er nur will. Man darf sogar dunkelhäutig sein, muss aber einfach wissen, dass man es so nie nach ganz oben schafft.          

 

Wie verlogen derartige Ideologien sind, bewies die Autorin gleich selber, als sie unter falschem Namen staatliche Sozialhilfe beantragte und auch bezog. Wahrscheinlich hatte ihre Aversion gegenüber Gerechtigkeits- und Solidaritätsgedanken auch damit zu tun, dass sie aus Russland einwanderte, wo ihre Familie unter die Enteignungsräder der dortigen Kommunisten geraten war. (Zu Recht oder zu Unrecht ist hier nicht von Belang.) Wohin ihr Konzept in letzter Konsequenz führt, hat das Musical eindrücklich illustriert: Krieg, Verwüstung, Tod.       

 

Ja, die Staatsbürokratien (Steuern, Landwirtschaft, Armee usw.) sind eine Pest, für jedes Bobooli gibt es ein hundertfränkiges Medikament, über jeden Seich werden Dissertationen geschrieben und die zeitgenössische Kunst ist manchmal schon sehr, sehr hässlich. Auch sind viele Leute tatsächlich mehr fordernd als leistungswillig, wieder andere wollen ständig und überall alles verhindern (was lustigerweise oft genug gegenseitig bedingt ist). Deswegen schütten wir die Kinder aber nicht mit den Bädern aus, im Gegenteil. Die Kinder brauchen einfach bessere Bäder. Slavoj Zizek (den man zwar besser bloss liest statt ihm zuzuhören oder gar zuzuschauen) schreibt, man soll die Zivilisation nicht mit überbordendem Mitgefühl und suizidaler Toleranz, sondern mit einer «partnerschaftlich gesunden» Härte gegen innen und gegen aussen verteidigen und fortentwickeln («Der neue Klassenkampf»). Andernfalls landen wir wirklich auch in Europa noch zwischen den Stühlen und Bänken aus Amerika, China, Russland, Afrika und dem Mittleren Osten.

 

«Macht wollen sie und zuerst das Brecheisen der Macht, viel Geld, – diese Unvermögenden!» (Nietzsche, Also sprach Zarathustra)

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