Einwurf 483: Kompromisse sind keine Lösungen


Kompromisse sind immer faul und Lösungen sind immer profiliert. Oder anders formuliert: In einem Kompromiss keimt bereits der nächste Konflikt auf, weil lauter Unzufriedene zurückbleiben. Eine Lösung ohne Ecken und Kanten hingegen ist gar keine, während eine Lösung mit Ecken und Kanten nicht nur unternehmerische Risiken belohnt, sondern auch (realen und potenziellen) Verlierern/innen human begegnet. Ausser die seien im IS, in der SVP oder in anderen rechtsextremen Geschwüren aufgegangen – da ist das Kosten-Nutzen-Verhältnis viel zu hoch.


Die Kompromisskultur geht von der kurzfristigen Froschperspektive aus, dass man dem Frieden zuliebe niemanden enttäuschen oder gar ausschliessen soll. Die Lösungskultur hingegen ist der langfristigen Vision verpflichtet, konsequent der praktischen Vernunft zu folgen. Dank Kant (er war viel kantiger als man wegen seinen sprachlichen Endlosorgien vielleicht meint) ist die Vernunft ja auch ethisch untermauert.


Wirtschaftlich und wissenschaftlich war und ist die Schweiz immer «lösungsorientiert» top, seit man den Zweiten Weltkrieg bauernschlau-glückhaft überstanden hat. Politisch war sie sogar im 19. Jahrhundert schon top, aber seit 30 Jahren wird sie auf dieser «Rennstrecke» nur noch überholt, vor allem von der EU und ihren Zugpferden. (Skandinavien, Benelux, Deutschland, Frankreich, Südeuropa. Dass die trump- und putingeilen Briten und Osteuropäer nicht dazugehören, haben die inzwischen ja selber gemerkt.) Die politische Kompromisskultur ist den Anforderungen der Gegenwart ganz klar nicht mehr gewachsen. Wer das beweisen will, muss nur den helvetischen Reformstau anschauen. Er erfasst mittlerweile praktisch alle Lebenswelten, und es ist nicht verwunderlich, dass wir von einer veritablen Volksinitiativenlawine heimgesucht werden. Was an sich auch wieder unsinnig ist, denn die Volksinitiativen werden systematisch durch korrumpierte parlamentarische Gegenvorschläge abgeschmettert. Statt direkter Demokratie haben wir dann «am Ende des Tages» nichts als bürokratischen Leerlauf, siehe Konzernverantwortungsinitiative.


Die «philosophische» Frage ist, warum man wirtschaftlich und wissenschaftlich so gut sein kann, politisch aber nicht. Kreativität und Reformwille sind doch unteilbar. Unsere These dazu ist ultrabanal: Die zu mindestens 90% heilige Allianz von Neoliberalismus und Neofaschismus ist ganz einfach zu stark. Umwelt-, Sozial- und Kulturverträglichkeiten sind für diese Allianz kein Thema. Emissionsablasshandel, Nachhaltigkeitsleitbilder, gemeinnützige Stiftungen, Philanthropie, Charityaktivismus und dergleichen sind reine angelsächsisch vergiftete Ablenkungsmanöver – lassen Sie sich nicht über den Tisch ziehen.


Angelsächsisch vergiftet sind inzwischen auch die Chinesen. Es geht bloss noch um Silicon Valley und Seidenstrassen («Peking Consensus»). Die Japaner haben sich gerade noch rechtzeitig bzw. präventiv davon verabschiedet. Als «Berufsoptimisten» setzen wir deshalb auch auf die «Senilität» der chinesischen Gesellschaft. Und auf die «Debilität» der amerikanischen. Demnach wäre und bliebe die Zukunft europäisch, pardon.


Wie auch immer: Für die «immune» Schweiz gilt weiterhin der «autonome Nachvollzug», d.h. ihre heilige Freiheit reduziert sich darauf, «Kröten zu schlucken», welche von «fremden Richtern» verordnet worden sind. Mitgestalten will man nicht. Lieber erduldet man auch in der Europapolitik faule Kompromisse als dass man sich mit Gleichgesinnten für visionäre, profilierte Lösung engagiert. «Unser System hat sich bewährt», sagen die SVP und ihre Geiseln in den anderen Parteien. Aber dieses System stammt aus einer Vergangenheit, die ein Kind, welches heute geboren wird, keinen Dreck interessiert. Es sei denn, die kantianische praktische Vernunft sterbe bereits aus, bevor dieses Kind handlungsfähig wird.


Auch «Berufsoptimisten» können sich irren, doch damit leben sie sehr gerne. Denn für sie gibt es keine bessere «gesellschaftliche» Medizin als den pharmazeutisch völlig immunen Beweis, dass nur Vollidioten für die Abschaffung eines unpatriotisch-systemkritischen Geschichtsunterrichts weibeln.


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