WPK-BLOG

„Die Welt muss Seele haben“

06.08.2020

Die freien Künstler/innen jammern, sie würden durch die Netze der staatlichen Corona-Krisenprogramme fallen, obwohl auch die Kultur überlebenswichtig und somit «systemrelevant» sei. Damit haben sie natürlich vollkommen Recht. Schon die «Normalzustandsbehauptung», erst müsse die Wirtschaft funktionieren, damit für den Staat und vor allem für die Kunst und dergleichen überhaupt Geld vorhanden sei, ist höchstens die halbe Wahrheit. Ich würde sogar sagen, sie sei total falsch. Es ist nämlich genau umgekehrt, und das kann ziemlich einfach nicht nur «rational», sondern auch «empirisch» bewiesen werden: Dort, wo Bildung und Ethik am Boden sind, funktioniert die Wirtschaft garantiert nicht. Denn für eine nachhaltige monetäre Wertschöpfung braucht es eine zivilisierte und vertrauensvolle Kooperation, die man nicht im BWL-Studium lernt (und im MBA-Studium erst recht nicht), sondern nur durch unablässige innere Einkehr und ein unbeugsames Flair für Solidarität. Bis heute hat das keiner besser ges...

30.06.2020

Ein zugegeben ziemlich summarischer und eurozentrischer Blick auf die Weltgeschichte der so genannten Neuzeit legt nahe, dass die erste Hälfte eines Jahrhunderts jeweils von kriegerischen Fanatikern beherrscht war, während es in der zweiten dann eher versöhnlich zu und her ging.

Im 16. Jahrhundert hatten wir vorerst einmal das Jeder-gegen-Jeden-Chaos rund um Kaiser Karl V. Die Habsburger führten nicht nur gegen die Franzosen Krieg, sondern gleich auch noch gegen die Türken. Dazu kamen die Reformationswirren, der ewige Krach mit den Fürsten, die Bauernaufstände und der Völkermord in Lateinamerika. Schliesslich stabilisierte sich die Lage, woran auch die grossen Seeschlachten im Osten und im Westen viel weniger änderten als man manchmal glaubt. Die Erschöpfung war zu gross; erst musste wieder durchgeatmet werden.

Neuerliches Chaos bescherte der Dreissigjährige Krieg in der ersten Hälfte des 17. Jahrhunderts, bis sich die Vernunft in der Gestalt des Völkerrechts anmeldete. Dieses sorgte nun...

25.05.2020

Es heisst, die Frauen gehörten zu den Hauptleidtragenden der Coronakrise. Wie halt bei allen Krisen. Als Working Poor neben Homeoffice und Homeschooling noch zu den Hunden und Katzen schauen, die Eltern aufmöbeln und den Ehemann aushalten: Das ist tödlich. Besonders der Ehemann, heisst es, sei eine riesige Belastung: Faul, mürrisch, gelegentlich aggressiv und im schlimmsten Fall sogar gewalttätig. Wahrscheinlich auch wieder wegen Gendefekten, die man mit moderner Medizin nun eigentlich wegkorrigieren müsste.   

Andererseits gibt es, damit zusammenhängend, viele Männer, deren Ehefrauen immer und überall alles besser wissen, und zwar nicht zu 99,9, sondern zu 100,0 Prozent. In den engen Räumen des Corona-Lockdowns ist auch das nicht wahnsinnig romantisch. Vielleicht ist die Perfektionssucht ebenfalls auf einen Gendefekt zurückzuführen.   

25.05.2020

Leider muss die Polizei nun das erzwingen, was sich Vernunftmenschen schon lange erträumen: Massenzusammenrottungen verunmöglichen.  

Der humane Fortschritt liegt im solidarischen Individualismus. Ohne ferngesteuert gleichgeschaltete NSDAP-, KPdSU-, Facebook- und Twitter-Massen hat der Totalitarismus keine Chance. Selbst wenn Bayern München ein Tor macht, höre ich Auschwitz. (Nicht wegen dem Jubel der Zuschauer, sondern wegen dem Geschrei aus dem Stadionlautsprecher.)   

Wer den Urbanismus und die Dezentralisierung gegeneinander ausspielt, muss noch lernen, dass Freiheit immer weniger mit der Verfügung über Landmassen korreliert. Das ginge heute schon rein demografisch nicht mehr.

13.05.2020

Für die Wutbürger und die Langweiler sind die aktuellen Coronaregime-Lockerungen eine erste Mini-Erlösung von dem ganz grossen Bösen. Auf uns wirken sie mit ihren vielen Auflagen aber nicht besonders sexy. Also bleiben wir weiterhin unserer «Quarantäne» treu.  

Man muss deren Qualitäten möglichst voll und lange auskosten. Das Leben herunterzufahren tut enorm gut. Endlich kann man seine zahllosen und in hohem Takt aufgestauten Eindrücke aus aller Welt dezent zu Ende verdauen, ohne Terminhektik gemütlich Büro-, Haus- und Gartenpendenzen abtragen, mit den Gedanken ins Reine kommen, physische Ressourcen schonen.

Auch die für die nächste Zukunft geplanten Reisen bleiben auf Eis gelegt. In der Primarschule haben wir einander jeweils gescheite Sprüche in ein Freundschaftsalbum gekritzelt. Ein Dauerbrenner war dieses Gedicht von Goethe:  

Willst du immer weiter schweifen?

Sieh, das Gute liegt so nah.

Lerne nur das Glück ergreifen,

Denn das Glück ist immer da.

Klar, wer wie Goethe bis dahin ständig un...

11.05.2020

Wer mit sich selber nichts anfangen kann, dem wird nie zu helfen sein und muss damit leben, nicht ernst genommen zu werden.

11.05.2020

Wenn von Harari, von Piketty oder von mir aus auch von Zizek ein neues Buch herauskommt, ist die kollektive Aufregung immer gross. Darob geraten aber andere Publikationen schnell in Vergessenheit, die durchaus das Zeug zum visionären Klassiker haben. «Die falsche Verheissung» von John Gray aus dem Jahr 1998 ist zum Beispiel so eine.

«Der Washington Nonsens» wäre wahrscheinlich der noch bessere Titel gewesen. Gray beschreibt, wie die globale Marktdiktatur das öffentliche, private und individuelle Leben fundamental (und «destruktiv») zerstört. (Ab einem gewissen Punkt ist das für ihn sogar «irreversibel», aber so weit würden wir dann doch nicht gehen.) Hemmungslos durchmarschierende freie Märkte vertragen sich weder mit intakten Familien noch mit patriotischer Vereinsmeierei. Denn in der McKinsey-Welt sind solche Sachen wertlos; sie kosten viel zu viel und nützen viel zu wenig: Alles bloss ärgerlich.

Gray hat vor über 20 Jahren schon Schlüsselereignisse analysiert und Grosstrends vorausges...

09.05.2020

Wenn einer sagt, die senilen Coronatoten wären so oder so nächstens gestorben, wie bei einer «normalen» Grippe, dann missachtet er ein Tabu. Allein deswegen ist er aber noch kein Unmensch. Entscheidend ist, wie man mit solchen Befunden und Aussagen dann umgeht. Für uns ist klar: Selbst wenn diese zu hundert Prozent zutreffen, lohnen sich die Opfer allemal, die man für die «Komposti» auf sich nimmt. Wirtschaftlich zwar nicht, zumindest nicht in der kurzfristigen Froschperspektive der amerikanischen Marktdiktatoren (siehe nächster Einwurf), sozialethisch aber auf jeden Fall.

Halten wir immerhin fest, dass die Pharmabranche mit ihren Fantasielöhnen natürlich weniger abzocken könnte, wenn man den irrwitzigen Medikamentencocktails und den exorbitant teuren Operationen für halbtote Greise durch ein lockeres Seuchen- und ein hartes Krankenversicherungsregime quasi präventiv den Hahn zudrehen würde. Anders ausgedrückt: Es gehören auch andere Tabus noch auf den Misthaufen der Geschichte.

Tabus si...

23.04.2020

Heute wollen wir die «Coronagefängnisgedanken» der Einwürfe 261, 263 und 265 noch etwas vertiefen. Zu diesem Zweck zitieren wir Dietrich Bonhoeffer. Der wurde vor 75 Jahren in einem Konzentrationslager ermordet und war ein «doppelter» Gefängnisexperte. Die Publikation «Widerstand und Ergebung» enthält Briefe aus seiner «Todeshaft» und den zuvor (1942/43) verfassten Text «Nach zehn Jahren» aus dem «Kerker» der totalitären Herrschaft. Darin wird diese Herrschaft mit den Werten einer humanistischen Gesellschaft konfrontiert. Bonhoeffer griff das Regime zwar nicht direkt an (das konnte er ja gar nicht), aber allein schon die Untertitel verraten, was in zehn Jahren Hitlerei alles falsch lief. Zum Thema «Qualitätsgefühl» lesen wir das:    

«Es geht auf der ganzen Linie um das Wiederfinden verschütteter Qualitätserlebnisse, um eine Ordnung auf Grund von Qualität. Qualität ist der stärkste Feind jeder Art von Vermassung. Gesellschaftlich bedeutet das den Verzicht auf die Jagd nach Pos...

15.04.2020

«Lieber arm denn blutbefleckt» verkündeten Dürrenmatts Güllener standhaft, solange sie noch nicht von der Geldgier zerfressen waren. «Lieber bescheiden als faschistisch» sagen wir heute, wo Trumps Amerikaner nun auch die WHO im Stich lassen.

Es heisst, die Nazikeule werde viel zu schnell und viel zu oft geschwungen. Aber schauen Sie mal genau hin, wer das kolportiert. Das sind nämlich regelmässig nur Leute, welchen selber eine «integrale» egoistische Rücksichtslosigkeit ins Gesicht geschrieben steht, und wenn sie dann noch von «Kontraproduktivität» palavern, entlarven sie ihren schlechten Charakter erst recht. («So tun als ob…») Sie können das alles zwar sehr nett vortragen, doch wenn es hart auf hart geht, machen die Kleider keine Leute und die Töne keine Musik mehr. Im Faschismus werden die Könige auch keine Bettler, sondern nur noch Terroristen.

Grundsätzlich ist es gar nicht möglich, mit der Nazikeule zurückhaltend umzugehen. Je früher und je härter man sie bedient, desto besser ist...

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