Einwurf 316: Die Jahrhunderthalbzeiten der Weltgeschichte


Ein zugegeben ziemlich summarischer und eurozentrischer Blick auf die Weltgeschichte der so genannten Neuzeit legt nahe, dass die erste Hälfte eines Jahrhunderts jeweils von kriegerischen Fanatikern beherrscht war, während es in der zweiten dann eher versöhnlich zu und her ging.

Im 16. Jahrhundert hatten wir vorerst einmal das Jeder-gegen-Jeden-Chaos rund um Kaiser Karl V. Die Habsburger führten nicht nur gegen die Franzosen Krieg, sondern gleich auch noch gegen die Türken. Dazu kamen die Reformationswirren, der ewige Krach mit den Fürsten, die Bauernaufstände und der Völkermord in Lateinamerika. Schliesslich stabilisierte sich die Lage, woran auch die grossen Seeschlachten im Osten und im Westen viel weniger änderten als man manchmal glaubt. Die Erschöpfung war zu gross; erst musste wieder durchgeatmet werden.

Neuerliches Chaos bescherte der Dreissigjährige Krieg in der ersten Hälfte des 17. Jahrhunderts, bis sich die Vernunft in der Gestalt des Völkerrechts anmeldete. Dieses sorgte nun für etwas Ordnung in den internationalen Beziehungen, und die obersten Krieger waren primär mit sich selbst beschäftigt. Das hatte freilich zur Folge, dass sie sich quasi unbehelligt zentralistische Diktaturen zurechtlegen konnten. Der Alptraum des beginnenden 18. Jahrhunderts war der spanische Erbfolgekrieg. Die «Vernunft-Reaktion» der «zweiten Halbzeit» lief dann über die Aufklärung (namentlich in Frankreich und mit Kant – die Rolle Englands wird hier überschätzt).

Das 19. Jahrhundert wurde erneut von Völkerschlachten eingeläutet. Wer einigermassen vernünftig war, investierte in der Folge aber lieber in die Industrie und in den Handel als in napoleonische Heere. (Die Arbeiterklasse und die aussereuropäischen Völker hatten dabei aber nichts zu lachen, und da schlugen nun vor allem die Engländer richtig zu.)

Über die katastrophale erste Hälfte des 20. Jahrhunderts müssen wir uns nicht gross streiten; die beiden Weltkriege waren in Tat und Wahrheit ein einziger. Mit einer «Pause», deren Hauptattraktion aus einer grossen Depression bestand, und mit einem finalen Feuerwerk aus Atombomben. Dann jedoch brachen der Multilateralismus und die Globalisierung durch. Nicht alles war vernünftig daran, aber man setzte gerne auf Kooperation.

Nun haben wir die ersten beiden Dekaden des 21. Jahrhunderts hinter uns. Ein Super-GAU ist bisher ausgeblieben, aber die Zeichen stehen «programmgemäss» auf Sturm. Jedes Kind spürt, dass der Faschismus weltweit wieder im Vormarsch ist, und selbst charakterfeste Optimisten äussern sich zur näheren Zukunft ziemlich skeptisch. Keine Überraschung, nach solchen Geschichtslektionen.

Am besten bitten wir den Pilotprojektmanager Novak Djokovic um eine Lagebeurteilung. Er hat gerade mal ein bisschen mit dem Coronafeuer gespielt und damit den selbsternannten Federer-Mullahs wieder eine erstklassige Steilvorlage geschenkt.

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