Einwurf 365: Eliot Weinberger und das amerikanische Affentheater

Aktualisiert: Nov 8


Würde die knorzige Stimmenauszählerei einiger weniger, mitunter schier menschenleerer Provinzen in einem anderen Land als dem grössten und besten aller Zeiten stattfinden, hätten sie schon längst von einem kommunistischen Drecksloch gesprochen. Wer aber das Buch «Neulich in Amerika» von Eliot Weinberger gelesen hat, den überrascht gar nichts mehr von all dem, was in diesem «wunderbaren Land» mit seinen «grossartigen Leuten» jetzt abgeht und auch in nächster Zukunft abgehen wird, egal wer im Weissen Haus hockt.

Die Behauptung, es habe sich eben niemand ausser Trump um die Randständigen gekümmert, ist falsch. (Das gilt analog übrigens auch für die rechtsextreme Szene in Europa.) Bernie Sanders wäre ihren Bedürfnissen sehr weit entgegengekommen, und sie wären mit ihm garantiert viel besser gefahren als mit Trump. (Mit seinen «Jobs» hatte Trump ganz einfach das Glück, dass er bis vor Corona von keiner grösseren Wirtschaftskrise überrollt wurde.) Aber sie wollten ihn nicht, weil er kein Nazischwein ist.


«Sie»: Das sind vorab natürlich mal Vulgärideologen wie Rupert Murdoch, die aus jedem bodenständigen kritischen Geist ein eigentumsfeindliches Ungeheuer fabrizieren und voll auf die «Einstiegsdroge» (für Nationalismus, Chauvinismus, Rassismus, Imperialismus usw.) setzen. «Patriotismus» nennt sich die, und wohin die führt, sieht man jetzt ganz genau. (Das bislang stärkste Gift wurde allerdings schon durch den «Patriot Act» von G.W. Bush gesprüht, der nichts anderes als faschistischen Staatsterror zum Ziel hatte.) Gut, man könnte lachen und sagen: In einen Bürgerkrieg, aber so viel Zynismus verdienen selbst die «grossartigen Leute» im «wunderbaren Land» eigentlich nicht.

«Jedes Land hat die Regierung, die es verdient»: Das tönt nach einer Lappalie, aber wenn man die gesammelten Weinbergerzitate von Bush- und Trump-Ministern, von der «Beraterbrut» der Präsidenten und von anderen «republikanischen Spitzenkräften» verdaut hat und mit der real-existierenden aktuellen Lage vergleicht, dann kann man nur zum Schluss kommen, die Lappalie sei ein Naturgesetz und das «wunderbare Land» ein Irrenhaus. Ginge es nicht um Leben und Tod (etwa von immigrierten Kindern), könnte man sich sogar kaputtlachen. (Auf die Lappalie kann man auch zurückgreifen, um die Unterschiede zwischen den USA und Kanada oder zwischen Australien und Neuseeland zu erklären.)

Der Hass dieser Minister auf den Rest der Menschheit scheint geradezu «angeboren» zu sein. Den kultivieren sie so, indem sie in jeder Ecke der Welt eine Riesensauerei veranstalten, welche Gegenterrorismus (Al-Qaida, IS, you name them) erzeugt, die Chinesen und die Russen mobilisiert, und schon hat man die ultimativen «Feindbeweise» im Sack. Mit Firepower und über Social Media: Einfacher geht es wirklich nicht.

Wenn «ganz oben» dann noch ein unflätiger Rüpel als Präsident einer «Musterdemokratie» thront, ist die Tragikomödie perfekt. Die «Pointen» sind unzählbar. Das von Weinberger aufgeführte Corona-Beispiel geht so: «Wir lesen darüber und wir sehen das, und die Nachrichten berichten darüber. Aber ein sehr, sehr kleiner Prozentsatz, es ist ein sehr, sehr kleiner Prozentsatz, das sage ich immer wieder. Es ist ein winziger Prozentsatz. Das ist ein sehr kleiner Prozentsatz»…. Aus meiner Erfahrung als Begleiter in Behindertenlagern kenne ich solche verbalen Endlosschlaufen aus dem Effeff. Aber wir sind ja die Letzten, welche «normale Behinderte» beleidigen wollen, denn die massen sich auch nicht an, eine «Musterdemokratie» zu regieren.

Einen mindestens so miesen, widerlichen Charakter wie Trump hat der andere «Demokratiechef», der «Senatsführer». Das sieht man dem übrigens auch sofort an; dagegen erscheint Trump wie ein kauziger Punk. Ausserdem erfahren wir bei Weinberger, warum die Präsidentenwahl in den USA eine derart schräge Angelegenheit ist. Man hat nämlich seinerzeit, um die Sklavenhalter im Süden zu beruhigen (sprich: zu unterstützen), deren «Neger» als Dreifünftelwähler bzw. -menschen mitgezählt. Das liess deren Elektorenzahl ansteigen, obwohl die «Neger» gar nicht wahlberechtigt waren. Das Electoral College hat bis heute also einen erzrassistischen Beigeschmack.

Auf den Seiten 20 und 21 der deutschsprachigen Berenberg-Ausgabe haben wir den Beweis, dass die Harvard-Universität (angeblich die beste der Welt) mindestens so korrupt ist wie früher das Epizentrum der Religion (Vatikan). (Das Silicon Valley kommt besser weg, wahrscheinlich weil sie dort so tun, als seien sie für die «Demokraten» und z.B. Zeitungen wie die «Washington Post» kaufen. Aber das ist eine andere Geschichte.) Die Texte der Seite 104, wo von irakischen Häftlingen die Rede ist, befinden sich hart an der Grenze des Zitierbaren. Das ist, ohne jede Übertreibung, Auschwitz pur. Ab Seite 129 breitet sich dann eine einzige gigantische Trump+-Fabulations-Diarrhö aus, übelstes Zeug, man seicht in die Hosen: Höchstgradig tragikomisch, wie gehabt.

Auf der Seite 38 träumt Weinberger vom Vorbild des «vereinten, multiethnischen Europa», von dessen «sozialer Gerechtigkeit, Wohlfahrt, Abrüstung, Meinungsfreiheit und Kultur». Das war zwar im fernen Jahr 2003, aber gerade vor dem Hintergrund des aktuellen Affentheaters sollten wir das alles jetzt nicht fahrlässig aufs Spiel setzen, bloss weil die Propaganda- und Boykotterpressungsmaschinen des totalitären grossen "westlichen" Bruders das so wollen.

Über den uneuropäischen Datenschutz und die europafeindliche Besteuerung der «demokratischen» IT-Monstren oder über die Geheimdienstkriminalität von Obama und Biden liest man bei Weinberger leider nichts. Dafür hätte er auch die Schweiz erwähnen dürfen: Man kann es ja durchaus zusammen, selbst wenn in Genf zehnmal mehr Singapur als Thurgau drinsteckt. Sollten die Slawen, die Ungarn und die Rumänen das anders sehen, mögen sie doch bitte wieder «heim ins russische Reich» marschieren. Auf das «wunderbare» amerikanische Reich können sie sich hier nämlich ebenso wenig verlassen wie die «grossartigen» patriotischen Randalierer sich dort auf Rupert Murdoch. Nur müssten sie das noch checken, bevor es dann wirklich zu spät ist.

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