Einwurf 473: Megalomanenknast Mars

Aktualisiert: Okt 26


Weil sich Branson, Musk und Bezos mit Weltraumprojekten amüsieren (und auf die Nerven gehen), habe ich das Buch «Soziologie der Weltraumfahrt» durchgelesen. Auch um herauszufinden, warum diese Kerle nichts Gescheiteres im Kopf haben, wenn es darum geht, zu Lasten von Angestellten, Lieferanten, Konsumenten, Investoren, Steuerzahlern und der natürlichen Umwelt aufgetürmte Dollarmilliarden in Luft (oder eben in Nichts) aufzulösen. Zumal mir ein alter Schulfreund kürzlich gesagt hat, Lanzarote sei hundertmal schöner als der Mars, und auf Lanzarote habe man erst noch Bewegungsfreiheit, Sauer- und Wasserstoff so weit die Sinne reichen.


Wer unter Intellektuellen etwas gelten will, muss mindestens einmal im Leben auf Carl Schmitt herabhacken. Das ist ja irgendwie verständlich, aber Schmitt hatte leider völlig Recht, als er schrieb, einer wie Columbus sei im Gegensatz zu den Astro- oder Kosmonauten eben nicht bewusst in eine lebensfeindliche Gegend hinausgerast und daher von besserem Verstand gewesen als diese. Einem klassischen «Entdecker» geht es auch in keinem Moment darum, sich freiwillig in ein enges, unbequemes Gefängnis auf einer einsamen Insel einzusperren. Als hätten wir mit den Autos und den Flugzeugen nicht schon übergenug von solchen Hämorrhoiden und Thrombosen zusammenbrauenden Isolationszellen.


Im Buch hat es denn auch eine Stelle, wo von einer «Triebüberschüssigkeit» die Rede ist, welche erst die für «die Kosmonautik erforderliche Technomanie» entwickelt. Warum sich dieser Überdruck aber ausgerechnet heute, wo wie noch nie zuvor über Energie und Gerechtigkeit diskutiert wird, nicht zu Gunsten jener Milliarde auswirkt, die nach wie vor über kein einziges Watt elektrischen Stroms verfügt, steht nirgends. Dafür wird über die völkerverbindende Grenzenlosigkeit des Alls palavert, gleichzeitig aber immerhin zugegeben, dass auch die Weltraumtechnik primär militärisch-imperialistischen Zielen dient. Auf der Erde wohlverstanden und auch nicht im «Krieg der Welten», dessen Wahrscheinlichkeit problemlos mit 0,00000 beziffert werden kann. (Für diese Erkenntnis muss man aber Einstein und Hawking gelesen und nicht eine debile Science Fiction-Serie heruntergeladen haben.)


Im 2014 veröffentlichten Buch heisst es, «seriöse» Zukunftsprognosen aus den 1960er-Jahren hätten für 2020 eine Symbiose von Mensch und Maschine und für 2024 die Kommunikation mit Ausserirdischen vorhergesehen. Wie «seriös» diese Studien waren, kann jetzt jeder selber beurteilen. Und sogar wenn derartige «Visionen» vielleicht einmal Wirklichkeit werden, stellt sich immer noch die Frage der gesellschaftlichen Relevanz bzw. wer davon betroffen ist. Eine wie auch immer konstituierte Mehrheit sollte es ja schon sein, und nicht bloss eine Hand voll Spinner aus dem Dunstkreis des Silicon Valley.


Die Bilanz: Die privaten Weltraumprojekte sind nichts anderes als sinnlose amerikanische, vom Kosten-Nutzenzwang befreite Sandhaufenspiele für Sadomaso-Megalomanen. Viel Vergnügen auf St. Helena! Ich bleibe bei Grimms Märchen, Tippkick, Monopoly und Undenufevierfach-Obenabedreifach-Schälleschiltetopplet. Egal ob das jetzt «romantisch» oder gar «reaktionär» sein soll. Lieber begrenzt als narzisstisch.

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