Einwurf 475: Es sind alle so nett


Noch zu Apartheidzeiten erlebte ich es sowohl in Rhodesien (heute Zimbabwe) und in Südwestafrika (heute Namibia) als auch in Südafrika selber: Überall hatte ich immer wieder Probleme mit einem Auto oder mit einem Verkehrsweg, und überall haben mir die (weissen) Einheimischen sofort bedingungslos aus dem Dreck geholfen. Dazu waren sie auch noch sehr freundlich bis richtig lustig, und einer hat mich sogar gebeten, «nach Hause» zu berichten, dass sie, qed, nicht die rassistischen Monstren seien, von denen in der internationalen Presse unablässig die Rede sei. Dabei waren sie eben trotzdem genau das. Denn sobald es um ihr abscheuliches politisches System und dessen Regierung ging, gab es nichts mehr zu spassen.


Nun hören wir von Julia Zeh und von Bernhard Schlink, dass auch sie durch in der Pampa hausende Leute irritiert werden, welche einerseits wahnsinnig nett und hilfsbereit sind, politisch aber nichts als rechtsextremen Schrott lallen. Vor Kurzem bin ich im Kanton Appenzell Innerrhoden herumgewandert. Wenn ich nach Wahlen und Abstimmungen die Resultate jenes Kantons vor mir habe, kommt mir jedes Mal die Galle hoch. Wären alle so (oder so wie in den Kantonen Schwyz und Nidwalden), hätten wir hier mit hundertprozentiger Sicherheit eine faschistische Diktatur. Dabei gibt es landesweit kaum liebenswertere Gesprächspartner/innen als in Appenzell.


Da soll mal einer noch drauskommen. Wahrscheinlich liegt diese «Unlogik» daran, dass die Leute in der ländlichen Peripherie mit ihrem Leben grundsätzlich sehr zufrieden sind. Darum sind sie denn auch alle so nett. Sobald ihre Heileweltblase aber durch äussere Einflüsse (wie etwa steigende Benzin- oder sinkende Milchpreise) angestochen wird, werden sie zwar nicht überall gleich so rabiat wie die französischen «Gelbwesten». Doch wenn ihnen ein skrupelloser Dorfkönig dann sagt, an diesen Sticheleien seien räuberisch indoktrinierte Kommunisten und herumfaulende, vegane Schmarotzer in den Zentren schuld, glauben sie dem alles und lassen sich entsprechend instrumentalisieren. Naivität hat eben zwei Seiten: Die positive, die unverdorbene und menschenfreundliche, und die negative, die ahnungslose und unkritische. Für Dorfkönige und deren Drahtzieher ist das natürlich ein gefundenes Fressen. Nicht nur haben sie von ihren Untertanen nichts zu befürchten, sie können sie sogar als die fleissigsten, anständigsten und mitfühlendsten Bürgerinnen und Bürger der Welt anpreisen.

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