Einwurf 485: Sex auf den ersten Blick

Aktualisiert: Nov 13


Kaum ist dem Vagina-Kult etwas der Schnauf ausgegangen, rollt die nächste Polyamorie-Welle auf uns zu. Es geht wieder einmal um das «Ende der Monogamie». Die Bibel dazu hat Friedemann Karig geschrieben: «Wie wir lieben». Darin behauptet Karig, der Mensch sei nicht zur Monogamie geboren und wolle immer viel Sex mit verschiedenen Partnern, suboptimal halt kontrolliert-sukzessiv, idealerweise aber spontan-simultan. Und er erzählt verrückte «wahre» Geschichten von Leuten, die von der traditionellen Zweierkiste rein gar nichts mehr halten und nur noch kompromisslos dem Lustprinzip folgen.


Okay, dass die Eifersucht, die Giftmischung von Eigentumsobsession und Minderwertigkeitskomplex, nichts als lächerlich ist, das lassen wir gerne gelten. Auch das hysterische Theater, das jeweils wegen realen, vermuteten oder auch nur befürchteten Seitensprüngen entsteht, gehört zu diesem Thema. Ausserdem geben nicht nur die Scheidungsraten dem Autor Recht, sondern auch die Geschichte der Menschheit: Lebenslänglich tausendpromillig monogam war wahrscheinlich noch überhaupt nie jemand. Sicher ist, dass sich der unverwüstliche Immer-und-ewig-treu-Hochzeitshype in jedem zweiten Fall als purer kommerzieller Glückskitsch entpuppt.


Etwas komplizierter wird es dort, wo analog zum «Urkommunismus» auf die Jäger-und-Sammler-Ära zurückverwiesen wird, in der anscheinend kaum jemand wusste, wer der Vater eines Kindes war. D.h. man habe gesagt, alle kämen in Frage und eigentlich sei das sogar gut. Denn so stünden auch alle in der Fürsorgepflicht und die Kinder würden gar nie mit anderen «Modellen» konfrontiert. «Schriftlich» haben wir das aber nicht, und wer unsere letzten urwaldindianischen Überlebenskünstler für Repräsentanten des europäischen Paläolithikums hält, der muss seine «Forscherlogik» schon ziemlich üppig-fantastisch auslegen. (Abgesehen davon ist die Sehnsucht nach «guten alten Zeiten» zwangsläufig erzreaktionär.)


Kinder kommen in der Karig-Bibel nur am Rande vor, der «MeToo-Komplex» (vom bösen Blick bis zum Femizid), ansteckende Krankheiten, die Verhütungs- und die Abtreibungsindustrie überhaupt nicht. Auch Interesselosigkeit und Asexualität nicht: Die Spezies würde ja aussterben, ausser man befruchtet sich nur noch künstlich. Doch alles das ist natürlich ebenfalls nicht programmiert und wäre eh sehr schade. Dagegen geht die Polyamorie äusserst locker vom Hocker, sofern man sie sich eben nicht nur erträumt, sondern sie auch umsetzt. Sex auf den ersten Blick: Warum denn nicht? Je mehr Liebe und je weniger Hass, desto besser. Und: Da ist man liiert oder gar verheiratet, und 50% der Menschheit sind abgemeldet, also das ganze andere Geschlecht minus eine einzige Person davon. Sowas ist doch krank.


Zweifellos, aber mindestens so krank ist auch eine Sexsucht, welche den Trieben bzw. Hormonen hoffnungslos ausgeliefert ist (und dem Alkohol oder einer anderen Zutat, die es als Schmiermittel zu dieser Sucht noch braucht). Dauergeil in der Gegend herumstreunen kann definitiv kein Lebensziel sein. Immerhin zitiert Karig denn auch Stimmen, welche Dinge fragen und sagen wie: «Wieso hat ein Teil dieser Welt nicht begriffen, dass der Schlüssel zum Glück nicht «alles zu haben» ist, sondern manchmal auch «Verzicht» heisst»? Oder: «Es gibt im Leben schliesslich auch noch andere Sachen als Sex». Muss in eine Therapie, wer so daherkommt? Positiv formuliert: Worin besteht jetzt hier das «Gleichgewicht» zwischen Natur und Kultur? Was würden Salomo und Aristoteles dazu sagen? Sigmund Freud? Martin Seligman? Gut, man mag vielleicht Eva Illouz lesen, doch letztlich müssen sich alle selber helfen.


Zur Erinnerung: Sex ohne Liebe (oder wenigstens Sympathie) funktioniert nicht, und wer liebt, hat eine Beziehung. Beziehungen aber sind werteorientiert, d.h. man hat nicht alle «gleich gern», warum auch immer. Interessant ist, dass selbst die Karig-Figuren zumindest intuitiv so etwas wie eine Zuneigungsrangliste führen und zwischen Haupt- und Nebenrollen unterscheiden. «Anything goes» tönt anders, oder umgekehrt: Monogamie ist letztlich doch weniger schlecht als Chaos. Kein Wunder, denn engagiert ausgeführtes polyamouröses Patchwork ist eine organisationstechnische und finanzpolitische Herkulesaufgabe mit einem enormen Burnout-Potenzial. Dazu kommt: Je offener und unverbindlicher die Beziehungen sind, desto ungleichgewichtiger werden sie. Am Schluss ist es wie im Monopoly-Kapitalismus: The winner takes all, und der Rest der Welt hat und ist verloren. Nein, man muss nicht immer und überall «siegen», aber wer schwache Nerven hat, der bemüht sich wohl doch besser darum, monogam zu sein. So unaufgeregt und «unverlogen» das eben geht.


(Dieser Text adressiert sich an Heteros. Er kann aber auch auf andere sexuelle Orientierungen übertragen werden.)

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