Einwurf 495: Geist und Co.

Aktualisiert: 4. Dez. 2021


Von Antonio Damasio gibt es ein neues Buch mit dem Titel «Wie wir denken, wie wir fühlen. Die Ursprünge unseres Bewusstseins». Für einen Laien ist es gerade noch knapp verständlich. Seine erste Hauptbotschaft ist die Aufwertung der Gefühle. Er stuft sie nicht als mehr oder weniger lustige oder lästige irrationale Störenfriede der vernünftigen Gedanken ein, sondern als deren Grundlage. Ohne Gefühle geht gar nichts, denn nur sie verbinden das Nervensystem mit dem Geist. Erst Lust und Schmerz geben zu denken, und mit unserem Geist versuchen wir dann wiederum, Lust zu erhalten und Schmerz zu vermeiden. Manchmal erfolgreich, manchmal halt eher nicht. Der Geist kann eben sowohl gut als auch böse sein. (Über die Seele und den Glauben schreibt Damasio in dem Buch nichts, aber beides muss wie die schönen Künste, auf die er ab und zu vielleicht etwas gar «gekünstelt» anspielt, auch irgendwo im Geist verpackt sein.)


Gefühle stehen zwischen Materie (oder Körper) und Geist, zwischen Natur und Kultur. Das gilt nicht nur für die Menschen, sondern auch für die Tiere und die Pflanzen. Nur verfügen die über weniger göttliche Herrlichkeiten als (die freilich nicht sonderlich religiösen) Leonardo, Leibniz, Bach, Goethe oder Einstein. (Oder Churchill, Kennedy, Steve Jobs und Billie Eilish, wenn es denn unbedingt sein muss.) Vor allem fehlt es ihnen wohl nicht an der Aufmerksamkeit, dafür aber am Bewusstsein. Woher Damasio das weiss, bleibt letztlich zwar trotz seinen guten Erklärungen rätselhaft, doch die Annahme ist vermutlich nicht falsch. So wie die von einer durchaus vorhandenen Intelligenz, die aber eben unbewusst bleibt und daher auch nicht mit einem durch stets neue Sinneseindrücke und Gefühle erweiterten Bewusstsein bewirtschaftet werden kann.


Interessant sind die Passagen von den «Weltbildern», die «prioritär» im Inneren jedes Einzelnen entstehen und nicht irgendwo im Internet oder in einer Konzernzentrale. Das wusste im Prinzip schon der heilige Augustinus. («Die Wahrheit wohnt im Inneren».) Jede und jeder sieht die Welt anders; folglich gibt es genau so viele Welten wie Individuen. Dabei sind Innen- und Aussenwelten ungeteilt; «aussen» existiert nichts, was nicht auch «innen» vorhanden ist, und wenn «Innen» stirbt, ist auch «Aussen» tot. Eine Welt bzw. eine Ansammlung von Welten ohne mit bewusstem Geist ausgestattete Wesen gibt es nicht; erst das Bewusstsein schafft das Sein. Das tönt auf Anhieb zwar komisch, vor allem wenn man Sein mit Universum oder «natürlichem Unterbau» gleichsetzt und Bewusstsein mit Mensch oder «kulturellem Überbau». Aber es ist trotzdem logisch, denn wenn keiner etwas denkt, dann Gnade Gott.


So wie Raum, Zeit, Energie, Atome, Zellen, Gefühle, Geist und Seele muss auch das Bewusstsein bereits durch den Urknall entstanden sein. Nicht «Hühner oder Eier?», sondern «Hühner und Eier!». Am Anfang war das alles einfach noch sehr primitiv; das lehren uns sowohl die Verfasser der Bibel als auch die Anhänger der Evolutionstheorie. Primitiv heisst aber nicht minderwertig: «Ohne Bakterien kein Mensch», und sinngemäss lässt Damasio am Schluss des Buchs gleich noch ein relativ überraschendes kleines Feuerwerk zu Gunsten der «Ehrfurcht vor der Biodiversität» und deren Interaktionen vom Stapel.


Das wiederum bedeutet nicht, dass es für jeden Herrn einen oder mehrere Knechte braucht. Dank der Bewusstseinserweiterung emanzipiert sich jeder freie Geist aus allen Zwängen, auch aus genetischen, kollektivistischen und kapitalistischen. Er versteht es je länger desto besser, gerade jene interkulturellen Beziehungen zu pflegen, welche die geistige Diversität und somit die menschliche Entwicklung am nachhaltigsten stärken.


Gut, das ist die optimistische Sicht der Dinge. Die pessimistische überzeugt uns halt nicht so, auch wenn die bösen Geister manchmal schon ziemlich frech in die Tasten greifen.



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