Einwurf 525: Autonomie und Kooperation


Wir haben den «solidarischen Individualismus» zu einem zentralen Handlungsprinzip erklärt. Damit soll eine persönliche Freiheit erlebt werden können, welche im Einklang mit dem «kategorischen Imperativ» nicht zu Lasten anderer Menschen und der Natur als solcher geht. Dafür ist individuelle Autonomie unabdingbar, denn wer abhängig ist, ist nicht frei, auch wenn diese Abhängigkeit vielleicht ganz angenehm ist. (Man erhält zum Beispiel viel Geld und Macht, wenn man immer schön brav genau das sagt und tut, was ein mehr oder weniger totalitärer Herrscher, Chef, Patriarch etc. eben gerade will.)


Mit dem Subsidiaritätsprinzip ist die individuelle Autonomie gut vereinbar. Schwieriger wird es dort, wo man sich nolens volens zusammenraufen muss, sei es in einer Ehe, in einer Firma oder in der Gesellschaft überhaupt. Wer stark kompetitiv veranlagt ist, sollte darum ebenso stark darauf achten, dass seine Umgebung neben ihm nicht einfach «untergeht». Der eher kooperative Typ hingegen darf seiner latenten Neigung, andere Leute nach seiner Art «klonen» zu wollen, nicht allzu ätzend Folge leisten.


In der arbeitsteiligen modernen Welt ist eine totale Autonomie noch viel weniger möglich als sie es in der «prähistorischen Romantik» vielleicht noch war. Der Wettbewerbsfanatiker hat demnach auch im eigenen Interesse allen Grund, sich wenigstens ein bisschen kooperativ aufzuführen (oder «fair», was immer das sei). Im Gegenzug ist aber klar, dass der Ausbau der universalen individuellen Grundrechte nicht mehr zurückgenommen werden kann, obwohl dieser Prozess zurzeit gerade etwas zu kriseln scheint. (Man kann das so oder anders sehen: Für einen Chinesen ist eine funktionierende Toilette ebenso wichtig wie das Demonstrationsrecht für uns.) Das Individuum geht vor, nur einfach «exemplarisch» statt egoistisch.

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