Einwurf 575: Die Schulen und die Parteienseuche


Der Kanton Aargau will wissenschaftlich untersuchen lassen, ob die Lehrkräfte an den Mittelschulen «linggi Sieche» seien. Damit ist der Links-Rechts-Kindergarten der Parteien und ihrer Spielwiesen und Sandhaufen (Parlamente) endgültig im Schulzimmer angelangt. Umso mehr, als ausgerechnet jenes Forschungsinstitut, welches diesen Kindergarten quasi als Kerngeschäft betreibt, mit der Studie beauftragt worden ist.


Als Gymnasiums- und Berufsschullehrer war ich unter anderem für die politische Bildung zuständig, und dazu gehörte selbstverständlich die Auseinandersetzung mit verfassungsrechtlichen Abstimmungen. Klar habe ich immer darauf geachtet, diese Auseinandersetzung pluralistisch und kontrovers zu gestalten. Lupenrein gelingt das zwar nie, denn gewitzte Schüler/innen merken natürlich schnell, wie ihre Lehrer/innen ticken. Wichtig ist aber, dass die persönliche Orientierung der Lehrkaft den Lernprozess nicht dominiert. Sie sollte sich deshalb davor hüten, sich da vorschnell zu outen. Andererseits haben die Schüler/innen das Recht, diese Orientierung bzw. das Abstimmungsverhalten der Lehrkräfte zu erfahren. Ich habe ihnen jeweils gesagt, ich würde ihnen nach dem Plebiszit bekannt geben, ob ich nun zu den Siegern oder zu den Verlierern gehöre. Besonders amüsiert war ich immer dann, wenn sie trotz aller Gewitztheit überhaupt nicht ahnten, wie ich mich wirklich verhalten hatte, selbst oder gerade wenn sie kreuzfalsch rieten.


Qualitätsunterricht besteht (unter anderem) aus kritischen Fragen und Antworten und nicht einfach bloss auf der Wiedergabe von dem, was die «Neue Zürcher Zeitung», die «Weltwoche», das «Wall Street Journal», die Bezos- und die Murdoch-Medien oder andere Hofpostillen gerade hochjubeln. Wenn das «links» sein soll, dann sind hoffentlich alle Lehrkräfte «links». Geistig geklonte Idioten können von mir aus in einem Geheimdienst arbeiten, aber bitte nicht in öffentlichen Bildungsinstitutionen.


Die wissenschaftliche Untersuchung der Aargauer wird garantiert wieder eine dieser drögen, langweiligen und lästigen Umfragen lostreten, die zwar «repräsentativ», gleichzeitig an Oberflächlichkeit aber nicht zu überbieten und vor allem «systemgefangen» sind. Die Botschaft ist und bleibt, egal ob offen oder versteckt: Was im Klassenzimmer passiert, das sagen die Parteien. Im Klartext: Die Minderheitendiktatur der Parteien, ihrer Mitglieder, Geldgeber und Lobbyisten. Es wird auch hier wieder heissen, auf die «Ausgewogenheit» müsse wahnsinnig viel Wert gelegt werden und im «grossen Ganzen» sei das ja auch immer der Fall gewesen. Von «Tiefgang» wird garantiert kaum oder überhaupt nicht die Rede sein, denn der ist nun halt einmal kritisch oder eben «links». (Leicht schräge Nebenfrage: War Kant ein Marxist?)

Der Kanton Aargau sollte eigentlich eine ganz andere Studie beauftragen, nämlich die nach dem Umgang mit der wirtschaftspolitischen Macht auf der Sek II-Stufe. Aber so etwas könnten ja wohl nur städtische Kantone machen, wo es zum grossen Glück für den humanen Fortschritt immer mehr Leute gibt, denen der Links-Rechts-Parteien-Lobbyisten-Kindergarten wegen seiner anhaltend debilen Infantilität einfach bloss noch auf die Nerven geht.


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